Venedig und die Statistik

Die schönste Stadt der Welt ist in vielerlei Hinsicht besonders.

Neben Künstlern, Kaufleuten, Abenteurern und Liebhabern hat der Wohlstand der Serenissima auch Wissenschaftler angezogen.

Einer davon ist Niccolò Tartaglia. In Brescia (besuchen Sie es - und vergessen Sie nicht das mille miglia Museum) geboren wurde er als 12jähriger von den Franzosen mit Schwerthieben im Gesicht verstümmelt und fortan Tartaglia gennant (von tartagliare = stottern).

Niccolò Tartaglia
Niccolò Tartaglia, Line engraving by P. Galle, 1572 (Welcome Collection, London)

Der weiteste Kanonenschuss - Tartaglia, der Vater der Ballistik

Neben seiner Übersetzung von Eukids “Elementen” ins Italienische war er der erste, der herausgefunden hat, in welchem Winkel eine abgefeuerte Kanonenkugel die größte Reichweite hat: nämlich 45° (ohne Luftwiderstand -
je höher dieser ist, desto flacher wird der Winkel, was man auch beim Abschlag beim Golf sehen kann).

Ballistik
Ballistische Kurven (Skizze von Tartaglia)

Zuvor war schon klar (da von Praktikern häufig ausprobiert) wie man Kanonen abfeuern muss, um die Reichweite zu maximieren. Tartaglia hat sich als erster theoretisch damit befasst, was für die im Arsenale hergestellten Galeeren und Galeassen wichtige Überlegungen waren.

Arsenale
Blick in die Schiffswerft Arsenale in Venedig (eigenes Foto, Sept. 2019)

Die Feindschaft mit dem unglaublichen Girolamo Cardano


Die Lösungsformel für die kubische Gleichung, die uns heute viel zu kompliziert erscheint, als sie in der Schule zu lernen, hat die Mathematiker dieser Zeit vor ein großes Problem gestellt.

Girolamo Cardano hat hier von Tartaglia immens profitiert und so in den 1540er Jahren die Lösungsformel veröffentlichen können. Mit Cardano hatte er den exzentrischsten Kontrahenten, den man sich vorstellen kann. Dieser schrieb über sich selbst (!):

“Ich war immer heißblütig, zielstrebig, impertinent, traurig, verräterisch, ein Zauberer und Hexer, elend, hassenswert, wolllüstig, obszön, lügnerisch, kriecherisch und scharf auf das Geschwätz alter Männer.”

Er war Arzt, Philosoph und Mathematiker und hat auch zur Technik seinen Beitrag geleistet: Führerscheinveteranen mit Hinterradantrieb kennen vielleicht noch die Kardanwelle, die nach ihm benannt ist.
Sein Leben war derart unglaublich, dass es locker für eine Staffel einer spannenden Netflix Serie reichen würde. In der Zwischenzeit empfehle ich:

Girolamo Cardano
Girolamo Cardano zum Nachlesen (Chiron Verlag, Tübingen)

Auch (oder vielleicht gerade) das sind Mathematiker.


Mathematik, Venedig und das Glücksspiel

In seinem letzten Werk “General trattato di Numeri et Misure”, das Tartaglia kurz vor seinem Tod in Venedig verfasst hat, leistet er bereits wertvolle Beiträge zur Wahrscheinlichkeitsrechnung. Zur damaligen Zeit ausschließlich durch das Glücksspiel vorangetrieben.

Dasselbe war in Venedig ein beliebte Tätigkeit: das erste Casino der Welt wurde 1638 hier gegründet und trug den Namen “Ridotto”. Venedig schafft auch hier den Superlativ.
Das Casino war untergebracht im Palazzo Dandolo, der heute das edle Hotel Danieli beherbergt.

Das Glücksspiel in Venedig hat dermaßen überhand genommen, dass sich die Republik dazu entschlossen hat, es drakonisch zu sanktionieren: Angestellten wurden die Nasen und Ohren abgeschnitten und im Anschluss wurden sie zu 6 Jahren Gefängnis verurteilt.

Auf der Tafel vom 10. August 1611 (Chiesa San Polo) kann man das (mit guten Augen) nachlesen.

Inschrift zum Glücksspielverbot
Inschrift am Campo San Polo zum Glücksspielverbot, eigenes Foto

1774 gab es unglaubliche 136 Casinos in Venedig, heute nur mehr eines: im Palazzo Vendramin Calergi (siehe unten).

Obwohl man gemeinhin der Ansicht ist, dass der Schriftverkehr zwischen Fermat und Pascal  den Ursprung der Wahrscheinlichkeitsrechnung markiert, basierten deren Erkenntnisse auf denen oberitalienischer Mathematiker.

Cardano war der erste, der Glücksspiele einer ernsthaften, schriftlichen Analyse unterzogen hat.
Er hat in seinem Werk eine bemerkenswerte Schlussfolgerung gezogen:


“Den größten Nutzen vom Glücksspiel hat man durch einen völligen Verzicht darauf.”

 

Vendramin Calergi
Palazzo Vendramin Calergi, Sitz des Casinos heute